Algerien - 2. Teil

Es ist bereits später Vormittag, als wir weiterfahren. Schon bald werden die ersten Umfahrungen querfeldein erforderlich, und das nächste Einsanden lässt nicht lange auf sich warten. Dieses Mal ist die Befreiung etwas schwieriger, aber dank den neu gewonnenen Erfahrungen mit dem Langlaufschlitten kann ich tatkräftig beim Schaufeln helfen. Auch die Sandbleche kommen erstmals zum Einsatz und mit Müh und Not schaffen wir die letzte Steigung auf die nun wenigstens für einige Kilometer wieder freie Strasse.  

Es dauert nicht lange, bis wieder unpassierbare Verwehungen die Strasse blockieren. Dieses Mal ist das Gelände für eine Umfahrung problematisch. Erschwerend für uns ist noch, dass der Wind der letzten Tage die meisten Fahrspuren verweht hat. Während Sonja das Gelände zu Fuss nach einer Passage absucht, kommen zwei Einheimische mit einem Geländewagen hinzu. Sie laufen die Umgebung ebenfalls ab und fordern uns dann auf, ihnen zu folgen. Der Geländewagen taucht alsbald mit heulendem Motor die steile Düne ab und fliegt anschliessend in einem wilden Zickzack-Ritt über das kupierte Gelände. Nun sind wir dran. Doch bis zur spektakulären Abfahrt kommen wir erst gar nicht – uns fehlen einfach einige PS. Wieder ist Schaufeln angesagt. Die beiden Algerier helfen tatkräftig.

 

Endlich kann ich etwas zurücksetzen und Anlauf holen. Als ich dann aber den Dünenkamm erreiche und sich vor mir einfach ein gähnendes Nichts auftut, gehe ich dummerweise doch zu früh vom Gas und bleibe prompt wieder stecken. Unsere beiden Helfer können das natürlich kaum fassen, aber sie nehmen’s mit Humor und greifen wieder zur Schaufel. Wir bekommen nun doch etwas den Bammel und erklären den beiden, dass es für uns wohl kluger wäre, wieder umzukehren. Davon wollen sie aber kategorisch nichts wissen: „Wir sind nun ein Team, zu viert schaffen wir das schon!“ Wenn die beiden zu diesem Zeitpunkt wüssten, was dieses Versprechen für sie diesen Tag noch bringt, hätten sie sich’s vielleicht anders überlegt.  

 

Das Freischaufeln ist eine schweisstreibende Angelegenheit. Dann sind wir endlich frei. Der weitere Streckenverlauf wird mir genau erklärt - und es kann losgehen. Ich bin nun fest entschlossen, nicht mehr so schnell vom Gas zu gehen und prügle unseren armen Beni in den höchsten Drehzahlen über die kommenden Dünen. Es gibt einige harte Aufschläge, aber wir schaffen’s.

Nun geht ziemlich lang alles gut. Unsere Freunde kennen jetzt die - gegenüber einem Geländewagen beschränkten - Möglichkeiten unseres Fahrzeuges und suchen jeweils die einfachsten Passagen, die wir dann auch ohne weiteres Einsanden schaffen. Als wir wieder einmal die Getriebereduktion einlegen müssen, hat unser Beni aber plötzlich keinen Vortrieb mehr. Der Defekt ist bald gefunden: Ein schlecht zugänglicher Bolzen des Schaltgestänges ist gebrochen. Unsere Freunde sind schon weit voraus und wir denken, dass sie wohl weitergefahren sind, doch nach einiger Zeit kommen sie tatsächlich wieder zurück. Es stellt sich heraus, dass der jüngere der beiden Brüder Automechaniker ist – wobei hier natürlich jeder dieser „Wüstenfüchse“ eine Beziehung zur Mechanik und deren improvisierte Reparatur habe muss – und bald darauf liegt das gebrochene Teil auf dem groben Asphalt. Nun wird ein Loch durch die Gelenkpfanne gebohrt, damit diese mit der Schaltstange provisorisch verschraubt werden kann. Nach einer Stunde Arbeit kann es wieder weiter gehen.

 Eigentlich waren wir der Meinung, dass die schwierigsten Passagen bereits hinter uns liegen würden, doch wir werden bald eines Besseren belehrt: Wiederum versperren haushohe Dünen den Weg. Eine Umfahrung muss gefunden werden, was bei dem ansteigenden Terrain gar nicht einfach ist. Der Geländewagen versucht es und bleibt prompt stecken. Stück um Stück wird er frei geschaufelt, bis der Wagen wieder festen Grund unter den Rädern hat. Es ist klar, dass auch wir stecken bleiben werden, doch es gibt keinen anderen Weg. Soweit kommt es vorerst aber nicht, denn trotz mehrmaligem Anlaufnehmen erreiche ich nicht einmal die kritische Stelle, kann aber jedes Mal wieder zurücksetzen. Unsere „Söhne der Wüste“ weisen mir nun einen anderen Weg. Wieder hole ich das Letzte aus dem Motor und bis auf zwei Meter wäre es beinahe geschafft – aber eben nur beinahe. Jetzt stecken wir tief in einem steilen, mit losen Felsbrocken durchsetzten Stück fest. Berge von Sand und Steine müssen weggeschaufelt werden, und ohne den Einsatz der Seilwinde würde die Bergung noch viel länger dauern. Doch irgendwann ist auch das geschafft.    

 

Am folgenden Morgen blickt René auf den Ort der Buddelei von letzter Nacht

 

Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen. Keine Frage, unsere Freunde wollen noch weiterfahren. Unser Bedarf ist für heute aber mehr als gedeckt und die Dunkelheit macht die Sache auch nicht einfacher. Wir wollen uns bei dem fröhlichen Brüderpaar mit einem Geldgeschenk für ihre grosse Hilfe bedanken. Das lehnen die beiden aber kategorisch ab und überreichen statt dessen uns, die wir ja in ihrer Schuld stehen, einen grossen Sack mit frischen Datteln. Das bringt uns auf die Idee, ihnen ebenfalls Lebensmittel aus unseren Vorräten anzubieten, was sie dann nach einigem Zureden schliesslich auch annehmen. Bevor die beiden in die mondlose Nacht entschwinden, werden noch die Adressen ausgetauscht und wir müssen versprechen, sie auf dem Rückweg in ihrem Dorf zu besuchen.  

Über weite Strecken geht es nun durch monotone Wüste, bis endlich das Tassili-Gebirge am Horizont auftaucht. Die bis vor kurzem noch schwierig zu fahrende, materialmordende Piste ist nun durchgehend geteert und lässt uns die einmalige Landschaft in vollen Zügen geniessen. Das Tassili-Massiv zeigt anschaulich den Zerfall eines Gebirges. Grosse Temperaturunterschiede, Wind und Wetter sprengen den Fels, lassen ihn zerbröckeln und zerbröseln, bis irgendwann nur noch Sand übrig bleibt.

Am Rande der Bergkette stehen die verwitterten, kasten- oder kegelförmigen Felsklötze wie Inseln in einem Sandmeer. Während der heissen Tageszeit gaukeln uns die Luftspieglungen vor, die Reste der einst bestimmt mächtigen Berge würden sich aus dem Wasser erheben

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Djanet, die „Königin der Oasen“, erreichen wir ohne weitere unplanmässigen Vorkommnisse gerade rechtzeitig zu einem Tuareg-Fest. Leider verpassen wir das Kamelrennen, können dafür aber auf dem Jahrmarkt das kunterbunte Treiben beobachten. An zahlreichen Ständen wird alles angeboten, was Mann und Frau zum einfachen Leben in der Wüste braucht. Den grössten Zulauf haben aber zwei Händler, die vom Dach ihrer Lieferwagen über Lautsprecher Adidas-Kopien verscherbeln.

Djanet liegt bereits im Süden Algeriens, also in der zentralen Sahara und unweit der libyschen und nigrischen Grenze. Entsprechend exotisch ist das Völkergemisch: Stolze Tuaregs, negroide Schwarze aus den südlicheren Staaten oder hellhäutige Männer und Frauen aus dem Norden Algeriens. Traditionelle Kleidung überwiegt, doch wer nicht den Kaftan mit Turban oder weite, bunte Gewänder – die Frauen oft auch verschleiert – trägt, stolziert in einem grellfarbigen Trainingsanzug aus Kunststofffasern herum. Der „Fortschritt“ des Westens ist auch hier nicht aufzuhalten.

 

 

 

 

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